Messfühler zeigen, wo man sparen kann

„Da stehen die Daten“: Geschäftsführer Harald Schreiner (Zweiter von links) und Sebastian Narz (links) zeigen das Public Display an der Pauseninsel mitten im Werk. Foto: Axel Pries

Für die Zentralbank: Harald Schreiner mit Alu-Fensterrahmen, die noch beschichtet werden sollen. Im Hintergrund ein weiteres Public Display an der Fertigungsstraße. Foto: Axel Pries
Der Betrieb PBS in Grebenau erregt mit System zur Energiereinsparung überregionales Interesse - Zertifizierung geplant
Mitten in der großen Werkshalle der PBS GmbH & Co KG in Grebenau gibt es eine kleine Sitzgruppe. Dort können Mitarbeiter sich in Pausen treffen, untereinander austauschen oder essen. Seit Kurzem bietet die Geschäftsführung dort auf einem großen Bildschirm neuen Gesprächsstoff für die Pausen: Es sind die Verbrauchsdaten der Maschinen und Anlagen, die sie bedienen. Damit rückt die Pauseninsel ins Zentrum eines neuen Konzepts zur Verringerung des Energieverbrauchs in dem Betrieb - der jetzt mit diesem Projekt überregionales Interesse in der Wirtschaft erregte. Die Grebenauer bekamen Besuch von Wirtschaftsjournalisten.
Eine dauerhafte und bei Bedarf farbenfrohe Beschichtung für metallene Tür- und Fensterrahmen oder auch Zäune - das ist das Kerngeschäft, mit dem das Unternehmen Pulverbeschichtung Schreiner sich in den 21 Jahren des Bestehens weit über das Gründchen, den Kreis und Hessen hinaus einen Namen gemacht hat. So führt der Geschäftsführer und Mitgesellschafter Harald Schreiner gerne eine Reihe von glänzenden Streben aus Aluminium vor, die noch unbehandelt in der Halle hängen: Mit einer Schutzschicht von PBS versehen, sollen sie einmal Fenster der Europäischen Zentralbank einrahmen. 1500 Farben stehen den Kunden zur Verfügung. Aber noch lieber führt er derzeit die neuen Bildschirme vor, die seit Kurzem überall dort hängen, wo PBS-Mitarbeiter in der riesigen Halle die Maschinen bedienen. Denn die gehören ebenfalls zu dem Energiespar-Projekt, mit dem PBS sich derzeit für eine Zukunft rüstet, in der nach seiner Ansicht zunehmend der Energieverbrauch über Wohl und Weh entscheiden wird.
Mit Grund: „Wir sind sehr energieintensiv unterwegs“, erklärt der Geschäftsführer am PBS-Konferenztisch den Hintergrund der Energiesparpläne. Der rund 140 Mitarbeiter starke Betrieb, einst hervorgegangen aus der Grebenauer Metallbau Schreiner GmbH und heute zur Grebenauer Schreiner Gruppe gehörend, benötigt für die Produktion nämlich viel Wärme und verbraucht für den Betrieb im Jahr rund eine Million Liter Heizöl. Da lohnt sich angesichts steigender Ölpreise jedes Prozent Einsparung.
„Den Verbrauch wissen“
Die Ersparnis will PBS nun mit Hilfe des Herbsteiner Unternehmens narz systems erreichen. Der Betrieb, spezialisiert auf IT-Systeme und Automatisierung, installierte in der PBS-Produktion ein aufwendiges Mess- und Kontrollsystem, das energietechnische Einblicke in alle Abläufe der drei Fertigungsstraßen ermöglicht. Schreiner: „Ziel ist, zu wissen, wann wir genau was verbrauchen.“
Verbrauchsstellen hat der Betrieb reichlich. Zu jeder der drei Fertigungsstraßen gehört eine Waschanlage, in der eine 90 Grad warme Waschlauge die Werkstücke vorbereitet, die anschließend in großen Brennöfen bei 200 Grad ihre farbige Pulverbeschichtung erhalten. Zuletzt müssen die Teile getrocknet werden. Eine riesige Heizungsanlage deutet auf den großen Energieverbrauch in den zimmergroßen Anlageteilen hin. An entscheidenden Stellen in dem langen Rohrsystem weisen unscheinbare Fühler auf die Neuerung im Systemkreislauf hin: Gleich 400 davon messen zweimal in der Minute wo, wann und was jeweils verbraucht wird - zusammengefasst in neun sogenannten Messinseln. Die liefern Daten über Energie- und Materialverbrauch an die Software des Systems, dass sämtliche Werte je nach Bedarf als fortlaufende Einzelzahlen wiedergibt oder in Kurvendiagrammen, summiert oder nach Stunden oder Tagen sortiert. Die Ergebnisse sind online abrufbar, daher leicht überall zugänglich.
Seit August in Betrieb
Das klingt verstehbar, beinhaltet aber ein größeres Schaltsystem, erklärt Sebastian Narz, dessen gleichnamiges Unternehmen es installierte. Er kennt die Schaltungen auswendig, und um die Anordnung zu verdeutlichen, greift er zum i-Pad, zaubert ein kompliziertes Muster auf den Bildschirm: vom fingergroßen Fühler zu den 40 Zoll-Bildschirmen in der Halle, den sogenannten Public Displays. Die sind wichtig im System, erklärt Sebastian Narz, „um eine Sensibilisierung der Mitarbeiter zu erreichen“.
Auf die kommt es an: Sie sollen aus den Werten lernen und mit dem praktischen Wissen der täglichen Arbeit die Möglichkeiten der Einsparung ausloten - und zwar möglichst aus eigenem Antrieb, aus einer Art sportlichem Ehrgeiz sozusagen. „Es ist wie zu Hause: Wenn ich rechtzeitig das Licht ausmache, spare ich Strom. Aber das schaffen wir nur, wenn wir die Mitarbeiter mitnehmen“, betont der Chef. Seit August, seit das System seine Fühler in den Kreislauf steckt und Werte erfasst, werde geschult und experimentiert.
Das Ziel für das bislang rund 150 000 Euro teure Projekt ist durchaus ehrgeizig: Bis zu 15 Prozent weniger Energie will das Unternehmen verbrauchen - und damit nach der Einführung des geschlossenen Wasserkreislaufs in der Produktion und der Installation einer 1,2 Megwatt-Photovoltaik-Anlage auf dem Dach ein weiteres Stück Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen erreichen. In Qualitätsbegriffen klingt das so: Ab Februar will PBS die Management-Zertifizierung 9001 erreichen und strebt danach die nicht einfach erreichbare Zertifizierung 50001 für das Energiemanagement an.
Und das nicht aus Jux, weist der Geschäftsführer in die Zukunft. Abgesehen davon, dass seriöse Prognosen der Industrieverbände von einer Verdoppelung des Ölpreises in den nächsten Jahren ausgehen - durch die jegliche Investitionen in Energieeinsparungen sich schnell bezahlt machen - sieht Harald Schreiner gesetzliche Vorgaben für Industriebetriebe kommen: „Ein betriebliches Energiemanagement wird von der Regierung gefordert werden.“ Wenn dann der Gesetzgeber je nach Energieverbrauch steuerliche Unterschiede macht, dann soll PBS besser dastehen.
Von OZ-Redakteur Axel Pries, Quelle: Gießener Anzeiger
